Materialismus

Schalter im Gehirn?

Der M. ist eine Argumentation, die – insbesondere in Bezug auf den Menschen – alle Vorgänge und Wirkungen durch Materie und Körperliches erklären will. Da hierbei die mögliche Einwirkung einer zweiten, geistigen oder seelischen Substanz geleugnet wird und also die Komplexität von Erklärungskonzepten abnimmt, wird er auch Reduktionismus oder reduktionistischer M. genannt. (1) Die heute allgegenwärtigen bildgebenden Verfahren neigen dazu, Reduktionismen nach sich zu ziehen. Schön kritisiert hat das die Darmstädter Philosophin Petra Gehring in ihrem Aufsatz »Es blinkt, es denkt« von 2004.

Was hat das mit Depressionen zu tun? – Nun, wer die Position vertritt, Depression sei ausschließlich eine Erkrankung des Hirnstoffwechsels und also ausschließlich mit Medikamenten (> SSRI) zu behandeln, der reduziert die menschliche Psyche auf physiologische Vorgänge; ein klarer M.

Johann Hari gibt in seinem Buch »Der Welt nicht mehr verbunden« Studien wieder, die den Zusammenhang von traumatischen Kindheitserfahrungen und dem Auftreten von Depressionen belegen – sogar als Dosis-Wirkungs-Relation: je schwerer die Traumatisierung, desto höher das Risiko, an einer Depression zu erkranken. Der Internist Allen Barbour kommt (in den Worten Haris) deshalb zu der Bewertung, Depression sei »keine Krankheit, sondern eine normale Reaktion auf widrige Lebenserfahrungen« (2).

Zwischen Schwarz und Weiß liegt bekanntlich Grau. Und selbst wenn die Welt der Depression vielleicht nicht unbedingt passend als bunt bezeichnet werden kann, so liegt doch auch hier die Wahrheit tendenziell in der Mitte: Traumatische Erfahrungen können angemessene Verarbeitungsreaktionen notwendig machen, die trotzdem in ihren Folgen krankhafte Wirkungen hervorrufen. Und sei es, weil ehemals angemessene Reaktionen gegenwärtig nicht mehr notwendig und also nicht mehr angemessen sind. Wenn außederm zwar Veränderungen im Hirnstoffwechsel nicht Ursache der Depression, sondern ihre Folge sind, so kann es dennoch besser sein, mittels Medikamenten an den Symptomen anzugreifen, als gar nichts zu tun. Deshalb würde ich noch lange nicht glauben, dass das ausreicht.


(1) Wikipedia bietet auch hier einen guten Einstieg, wer es ausführlicher mag – auch bspw. bezüglich der Unterscheidung von historischem und dialektischem M. –, der findet Aufschluss etwa im »Historischen Wörterbuch der Philosophie«.

(2) Johann Hari, Der Welt nicht mehr verbunden. Die wahren Ursachen von Depressionen – und unerwartete Lösungen. Hamburg 2021, S. 176 ff.

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