Arbeit und Struktur

Was tun, wenn die eigene Welt plötzlich aus den Fugen gerät? Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf hat diese Frage nach seiner Krebsdiagnose in den Jahren 2010 bis 2013 bis zu seinem Freitod in einem Blog beantwortet: »Arbeit und Struktur«, 2013 bei Rowohlt veröffentlicht, ist auch weiterhin online zu lesen. Das Tagebuch ist in seiner Verfertigung Teil der Antwort und Lösung, die der Titel auf den Herrndorf-Begriff bringt.

Seitdem ich diesen rührend wahrhaftigen Text gelesen habe, kann mir kaum der Begriff Arbeit begegnen, ohne dass ich seine Schwester, die Struktur, mitdenke. Und dann misstraue ich dieser Intuition gleich wieder: dass Arbeit Struktur ist und mir in schwierigen Zeiten oft geholfen hat (s. a. Routine) – das ist einerseits richtig und klingt dann andererseits doch zu affirmativ und deckt zu viele Ambilvalenzen der Erwerbstätigkeit zu. Denn dass in Umkehrung der Perspektive aus andauernder Arbeitslosigkeit psychische Belastung resultiert, kann und darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie viel leichter ein positives Arbeitsethos doch ist, wenn man den Tätigkeitsgegenstand selbst gewählt hat.

Was folgt daraus? Mal wieder die simple Einsicht, sich besser gut zu überlegen, womit man seiner Zeit Struktur verleihen will.